Berliner Morgenpost

Der Bariton trifft den richtigen Ton: So spricht Thomas Hampson stets von „den jungen Kollegen“. Schließlich sind sie, wenn auch nicht wie der US-amerikanische Sänger mehr als 40 Jahre im Geschäft der Oper und des Kunstlieds, doch teils bereits sehr gestandene Liedinterpreten, denen man über Gesangstechnik und Bühnenpräsenz nicht mehr viel erzählen muss.

180 Bewerber habe es für den nunmehr dritten Schubert-Workshop von Hampson im Boulezsaal gegeben – Platz ist für zwölf Teilnehmer. „Man sollte schon mal auf der Bühne gestanden und versucht haben, die Geschichte zu erzählen“, sagt Hampson in nahezu lupenreinem Deutsch.

Verblüffend ist, dass der fast 65-Jährige nicht nur die Sprache beherrscht, sondern auch in ihren Wendungen zu denken scheint – so flüssig sprudeln selbst nebensächliche deutsche Wendungen aus ihm heraus. Der Ton macht halt die Musik.

Mehr vom „Wanderer“ als von der „Winterreise“ inspiriert

Thomas Hampson, das weiß man, liebt das deutsche romantische Kunstlied, liebt Schubert, Mahler und Alban Berg. Er liebt es und liest auch die Texte genauestens.

Eine jahrzehntelange Karriere im Liedgesang – ob er gewisse Dinge früher anders gesungen hat als heute, interessiert Hampson weniger, oder ob früher mehr Legato war. Ob er gewisse Textstellen heute, mit mehr Lebenserfahrung, anders liest als in seiner jungen Zeit – darüber wiederum denkt er gerne nach.

Die „Winterreise“, jene Irrfahrt eines jungen Verzweifelten im Schnee, sei da ein schlechtes Beispiel, denn Hampson kam als Sänger erst relativ spät zu diesem Klassiker. Er nennt eher Schuberts „Wanderer“ – das Lied von einem anderen Unsteten, mit welchem Hampson sich als reisender Künstler über die Jahre immer stärker identifizieren konnte.

War Schober ein Idiot?

Hampson sind die Texte wichtig, man merkt es. Nicht nur die von Goethe und Schiller, auch die von in Deutschland heute eher gering Geschätzten wie Georg Philipp Schmidt von Lübeck. Oder Franz von Schober, dem Schubert-Freund.

„Dass hierzulande Goethe so verehrt wird, heißt doch nicht, dass Schober ein Idiot war.“ Thomas Hampson hat ein differenziertes Bild vom eigentlich so fernen Zeitalter Schuberts und der Romantik. Ein weiterer Künstler, der durch das Vergraben in der Vergangenheit der Gegenwart entfliehen will? Hampson stockt, dann lächelt er – er hat sehr gut verstanden.

„Ich finde das nicht so ungesund. Die Gegenwart kann doch eh nie ignoriert werden, selbst von jemandem, der sich nur mit einem Schubert zum Mittagessen setzt. Meine Auseinandersetzung mit Beethoven und Schubert oder, in Amerika, mit Walt Whitman und Herman Melville ist doch die lebendigste Auseinandersetzung mit meinem jetzigen Dasein!“

Hampsons Loblied auf die Geduld

Hampson redet schnell, Hampson redet druckreif. Er meint, er habe viel auf Deutsch gelesen. Wenn man ihn hört, weiß man: sehr viel. „Ich bin ein reiferer, erfüllterer, geduldigerer, zukunftssichernderer, auch ängstlicherer Mensch, weil ich mich mit den Künsten auseinandersetzen durfte und musste! Wenn wir Künstler nicht geduldig sind für dasjenige, das wir nicht verstehen oder was nicht unserer Meinung entspricht, wie sollen wir dann miteinander arbeiten? Bitte?“

Hampsons „Bitte?“ klingt jetzt ein wenig wienerisch, seine zweite Ehefrau ist Österreicherin. Lange war er an der Wiener Staatsoper als Darsteller vornehmer baritonaler Charaktere wie Verdis Posa und Germont beschäftigt. „Die Künste sind unser großes Tagebuch. We go backwards.“ So schnell und engagiert wie Hampson jetzt spricht, ist man sich sicher, dass dieser Mann nie der Gegenwart entfliehen würde.

40.000 Zuschauer im Livestream beim Workshop

Mit dem „Rückwärtsgehen“ meint er die Tendenz etlicher Staaten einschließlich der USA, die Demokratie und das Primat der Menschenrechte dem Populismus zu opfern, welcher nach Hampsons Meinung die Menschen dazu verleitet, keinen Widerspruch zu ihrer Ansicht mehr zuzulassen. Vor allem, dass die wenigsten noch die alten Dichter kennen wie er, das ärgert Hampson sehr.

Die Bildungspolitik in den USA und in Europa, welche immer mehr auf das Lesen solcher Texte verzichtet, ist ihm ein Graus. „Die Leute in Amerika wissen vielleicht irgendwas von Walt Whitman, aber bei Melville oder Wallace Stevens kommt man schon auf sehr dünnes Eis.“

Wenn Hampson sich im Boulezsaal vor jungen Sängern mit Schuberts Liedtexten auseinandersetzt, dann will er das auch nach draußen tragen. Bis zu 40.000 Zuschauer habe es in den letzten Workshops im Livestream im Internet gegeben. Hampson will „die Fenster aufmachen“. Wenn die Leute es wollten, sollten sie auch „die Möglichkeit haben, sich mit Weltsichten der Vergangenheit auseinanderzusetzen.“

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