Wir tun es schon als Kind, und eigentlich ist es ganz leicht – zugleich ist Singen aber eine der anspruchsvollsten Künste überhaupt: Der legendäre Bariton Thomas Hampson zeigt bei einem Meisterkurs und einem Liederabend in Zürich, was die Herausforderungen sind.

Das Kunstlied ist unter den Vokalgattungen der klassischen Musik das Mauerblümchen. Oper und Konzert bringen Ruhm und Ehre – aber ein Liederabend? Und doch sind es viele der ganz grossen Sängerinnen und Sänger, die sich mit Leidenschaft dem Liedgesang widmen. Im traditionsreichen Zyklus am Opernhaus Zürich traten allein in der Saison 2018/19 so klingende Namen wie Javier Camarena, Anja Harteros, Pavol Breslik, Angelika Kirchschlager und Rolando Villazón auf. Und nun kommt, als krönender Abschluss, am 19. Juni der amerikanische Bariton Thomas Hampson.

Hampson gibt am Mittwoch freilich nicht nur einen Liederabend am Opernhaus, er erteilte bereits am Wochenende auch einen zweitägigen öffentlichen Meisterkurs an der Hochschule der Künste (ZHdK). Hauptveranstalter waren die «Freunde des Liedes», die in Zürich für die Reihe «Liedrezital Zürich» verantwortlich sind. Mitveranstaltet wurde der Meisterkurs vom Departement Musik der ZHdK, das die Räume zur Verfügung stellte und die teilnehmenden Liedduos ausgewählt hat. Die Gelegenheit, einem grossen Interpreten der Liedkunst in die Karten zu schauen und einen Einblick in die komplexen Erfordernisse des Liedgesangs zu erhalten, lockte eine auffällig zahlreiche Zuhörerschaft in das Toni-Areal.

Entwicklungspotenzial

Wie viel Können braucht es beispielsweise, um nur die ersten drei Zeilen des Liedes «Die drei Schwestern wollten sterben» von Alexander Zemlinsky zu singen? Die Probe aufs Exempel machen die 27-jährige Schweizer Mezzosopranistin Désirée Mori, die an der ZHdK ein Masterstudium in Musikpädagogik absolviert, und die Pianistin Thora Gunnarsdottir. Hampson hört sich zunächst die Interpretation des ganzen Liedes an, dann kommt seine Kritik: Er vermisst im Vortrag den grossen Zusammenhang, die musikalische Syntax, wie er sagt. Das Wort «sterben» muss nicht so demonstrativ betont werden, überhaupt soll die Sängerin mehr singen als sprechen. «Singen ist wie Fahrradfahren, da geht es immer vorwärts.» Und das Atmen sei «nicht wie das Benzintanken an der Zapfsäule», sondern das Weiterdenken der musikalischen Phrasen. Hampson achtet auch auf das Ineinandergreifen zwischen Stimme und Klavier und animiert die Pianistin, Zemlinskys reizvolle Harmonien mehr auszuleuchten.

Wenn man anschliessend den ebenfalls 27 Jahre alten Tenor Maximilian Vogler hört, der in Detmold studiert hat und sich mittlerweile an der ZHdK bei Werner Güra weiterbildet, hat man den Eindruck, einen schon ausgereiften jungen Künstler zu erleben. Nachdem Vogler, zusammen mit dem Pianisten Sebastian Issler, Franz Schuberts Lied «Alinde» vorgetragen hat, findet Thomas Hampson aber auch bei ihm noch Entwicklungspotenzial. Da geht es einerseits um technische Aspekte wie die richtige Stütze. Dabei lässt Hampson den jungen Tenor mit der Hacke auf den Bogen schlagen oder schiebt ihn während des Singens vor- und rückwärts.

Vor allem aber geht es um die Interpretation: «Stell dir vor, du wärst Tamino», sagt Hampson. «Mach leuchtende Augen, damit wir uns diese Alinde vorstellen können.» Nach einem weiteren Versuch des Duos ist der Meister noch immer nicht zufrieden. «Du hast eine wunderbare Stimme», sagt er zu Vogler, «aber ich spüre deine Verliebtheit nicht. Glaub daran, dass Alinde, wenn sie allein ist, von Maxi singt.» Technik ist das eine, Imagination ein Zweites; dazu muss ausserdem noch die Kenntnis des biografischen und zeitgeschichtlichen Hintergrunds der Komponisten und ihrer Textdichter kommen. Von alldem vermittelt Hampson in seiner lockeren und spontanen Art eine wahre Fülle.

Dass ein so klingender Künstlername wie Thomas Hampson bei Liedrezital Zürich auftritt, ist eine Ausnahme. Man hat sich den Luxus aus Anlass des dreissigsten Geburtstags der Reihe geleistet. Normalerweise bäckt Liedrezital etwas kleinere Brötchen als der Liederzyklus des Opernhauses. Aber die Reihe erfüllt eine wichtige Funktion, über Zürich hinaus. Neben bekannten Namen wie Christoph Prégardien oder Rachel Harnisch kommen auch junge Interpreten sowie Schweizer Komponisten zum Zug. Und bei den Programmen findet sich neben dem Standardrepertoire immer wieder Überraschendes.

Am Opernhaus Zürich ist Hampson zusammen mit seinem langjährigen Begleiter, dem deutschen Pianisten Wolfram Rieger, zu erleben. Im ersten Teil des Abends interpretiert der Bariton ausgewählte Lieder Gustav Mahlers. Das deutschsprachige Kunstlied ist ja das eine künstlerische Standbein seines Liedrepertoires. Im zweiten Teil kommt dann mit amerikanischen Kompositionen das Heimatland des im Gliedstaat Indiana geborenen Sängers zum Zug. Höhepunkt der Darbietung dürfte der Liedzyklus «Civil Words» von Jennifer Higdon werden. Die Komponistin schuf das Werk zum 150. Jahrestag des Bürgerkriegsendes in Amerika und widmete es Thomas Hampson.

Rückkehr ans Opernhaus

Während der Intendanz von Alexander Pereira war Hampson am Opernhaus ein häufiger und beliebter Gast. Seit 1984 eroberte er vor allem mit einschlägigen Rollen in Mozart- und Verdi-Opern, aber auch als Wolfram in Wagners «Tannhäuser» oder in der Hauptrolle von Hindemiths «Mathis der Maler» die Herzen des Publikums. Umso erstaunlicher, dass Hampson anschliessend von der Intendanz Andreas Homoki – mit Ausnahme einer Wiederaufnahme in der Saison 2012/13 – nicht mehr eingeladen wurde. Über die Gründe kann man nur spekulieren. War Hampson zu teuer? Wollte er nicht so viele Proben absolvieren?

Grundsätzlich verfolgte Andreas Homoki seit seinem Amtsantritt die Strategie, weniger auf die ganz grossen Namen zu setzen und stattdessen dem Publikum vermehrt neue und jüngere Sängerinnen und Sänger zu präsentieren, was zur Folge hatte, dass einige Lieblinge des Publikums aus dem Spielplan verschwanden. Was nun Hampson betrifft, scheint am Opernhaus immerhin ein Gesinnungswandel stattgefunden zu haben: In der kommenden Saison 2019/20 wird der Bariton bei der Uraufführung von Stefan Wirths Oper «Girl with a Pearl Earring» die Hauptrolle des Malers Jan Vermeer singen.

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