Festspielhaus Magazin

„Jede Kultur hat ein Lied“, sagt Thomas Hampson und meint damit, dass wir aus Liedern viel erfahren über Geschichte, Politik und die sozialen Verhältnisse der Gegenden, in denen sie entstanden oder noch immer gesungen werden. Der amerikanische Bariton liebt die Lieder der deutschen Romantik und ist einer ihrer profiliertesten Interpreten. Ganz besonders setzt er sich aber auch für die Liedtradition seiner amerikanischen Heimat ein. Die Beschäftigung mit den „Songs of America“ ist ein essenzielles Projekt seiner Stiftung, der Hampsong Foundation. „Die Erforschung von Lyrik und Lied in Amerika führt wie wenige andere Disziplinen in die Psyche der Neuen Welt“, stellt der Sänger mit Forscherinstinkt in seinem 2001 veröffentlichten Essay „The Very Heartbeat of Song“ („Am Herzschlag des Liedes“) fest. Bestätigung dafür findet er bei Walt Whitman, dem großen Freigeist unter den amerikanischen Dichtern des 19. Jahrhunderts, der im Vorwort zu seiner Sammlung „Leaves of Grass“ („Grashalme“) verkündet: „Die Vereinigten Staaten sind das größte Gedicht.“

Zur Eröffnung der Pfingstfestspiele hat Thomas Hampson einige der „Old American Songs“ von Aaron Copland ausgewählt: reizvolle Arrangements von Volksliedern und Volksgedichten aus ganz unterschiedlichen Kulturen des alten Amerika. Der zweite Teil der „Amerikanischen Nacht“ im Festspielhaus führt aus der Gedankenwelt der Gründerväter in die große Zeit des amerikanischen Musicals. Für Thomas Hampson ist das kein ungewöhnlicher Ausflug, er singt viel Musical und Operette.

Dass ihm auch das „leichte“ Fach liegt, das eben gar nicht leicht zu singen ist, zeigte er bei seinem bislang jüngsten Auftritt im Festspielhaus: einer spritzigen Operettengala an der Seite von Annette Dasch und Piotr Beczała. Sein Pfingstfestspiel-Konzert in Baden-Baden wird nun wieder ein Abend mit drei Solisten werden. Diesmal sind die Sopranistin Nadine Sierra und der Tenor Michael Fabiano seine Partner, Ivor Bolton dirigiert das Sinfonieorchester Basel.

Mit Nadine Sierra stand Thomas Hampson im vergangenen August in Tanglewood bei Boston auf der Bühne, in einer großen Gala zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein. Dessen Musik wird auch in seinem Pfingstprogramm eine wichtige Rolle spielen. Es sei schon ein besonderes Privileg für ihn gewesen, mit Bernstein arbeiten zu können, erinnert sich Hampson. Und natürlich bedeutet es ihm etwas, dass das letzte Konzert Bernsteins in der Carnegie Hall sein eigenes Debüt in dem berühmten Saal war. Die „West Side Story“, die mit den Songs „Maria“ und Tonight“ im Konzertprogramm vertreten ist, sei ein „unfassbar aufregendes“ Stück, das am Broadway die Maßstäbe ganz neu definiert habe. Leonard Bernstein habe die Essenz von Musik vermittelt und von denen, die mit ihm gearbeitet haben, Leidenschaft und totale Hingabe an die Musik verlangt. Er habe es verstanden, Genie zu sein und Genies zu erkennen. Die Unterstützung kommender Generationen ist etwas, das auch Thomas Hampson sehr wichtig ist. Dieser Leidenschaft für die pädagogische Arbeit wird er in Zukunft wahrscheinlich noch mehr Raum geben.

Über die aktuelle Kulturpolitik in seiner amerikanischen Heimat, wo wichtigen Institutionen mit einem Schlag die Existenzgrundlage entzogen wird, ist Thomas Hampson nicht glücklich. „Kunst ist nicht elitär“, sagt er und verweist auf den berühmten Passus aus der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung mit dem unveräußerlichen Recht auf den „pursuit of happiness“. Mit „Streben nach Glückseligkeit“ seien nicht Geld oder Konsum gemeint – es gehe um das Ideal eines erfüllten Lebens.

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