BR-KLASSIK: Auf seiner neuen CD “Tides of Life” präsentiert Thomas Hampson zusammen mit der Amsterdam Sinfonietta Lieder von Hugo Wolf oder Johannes Brahms in Arrangements für Stimme und Streicherensemble. Ein weiteres Experiment eines Künstlers, der sagt: nur Oper – niemals!

BR-KLASSIK: Thomas Hampson, warum haben Sie diese Lieder instrumentieren lassen? Es sind ja eigentlich sehr intime Gebilde – und bei einer Orchestration wirkt ja eine weit größere Anzahl Personen mit als im Original.

Thomas Hampson: Das stimmt – einerseits. Andererseits handelt es sich nicht um ein Orchester, sondern um ein Streicherensemble. Das heißt, wir sind zusammen höchstens 18 Personen. Es ist ein gemeinsames Projekt mit der Amsterdam Sinfonietta. Das Ensemble kam mit einer Reihe von Vorschlägen zu mir, und wir haben dann ein Repertoire ausgearbeitet. Die Idee dahinter: Musik als Sprache – sprich: Wir haben ganz bewusst Komponisten ausgewählt, die ebenso viel mit der Sprache Musik wie mit der Poesie zu tun haben – zum Beispiel und vor allem: Brahms. Die schönsten Lieder von Brahms funktionieren mit einer Bratsche, Oboe oder Klarinette als Melodieinstrument ebenso gut wie mit der Stimme. Natürlich hat der Text ihn inspiriert, keine Frage, und er wollte auf jeden Fall musikalisch verwirklichen, was dieser Text aussagt. Aber: Seine Sprache ist musikalisch – das ist meine Überzeugung.

TEXTE DURCH MUSIK ERLÄUTERT

BR-KLASSIK: Das heißt, dass die Texte in der Musik für Sie quasi verschwinden?

Thomas Hampson: Nein, überhaupt nicht – ganz im Gegenteil. Aber diese Texte werden nur wirklich erläutert durch die Emotion und die Semantik der musikalischen Phrasierung. Darin ist Brahms natürlich ein absoluter Meister. Und diese musikalische Bedeutung wird durch ein Streicherensemble natürlich noch verstärkt. Das ist eine zusätzliche Dimension, die ich sehr genieße. Sie fordert auch vom Sänger, noch musikalischer zu agieren, mit mehr Legato – was mir sehr recht ist. Aber ich möchte auf gar keinen Fall den Anschein erwecken, dass der Text durch unsere Interpretation sekundär wird.

BARBERS “DOVER BEACH” ALS ERFOLGSTÜCK

BR-KLASSIK: Gibt es bestimmte Lieder, die sich für eine solche Art von Arrangement besonders eignen – oder andere, bei denen man dies lieber nicht versuchen sollte?

Thomas Hampson: Bislang habe ich mich eigentlich auf das konzentriert, von dem ich dachte, es könnte gut passen. Heuer haben wir zum Beispiel Beethovens “An die ferne Geliebte” bearbeiten lassen – und es passt perfekt. Unser Projekt begann mit Brahms und Samuel Barbers “Dover Beach”. Die Amsterdam Sinfonietta hatte vom Verlagshaus Schirmer die Erlaubnis erhalten, das Barber-Stück für Streicherensemble zu arrangieren – ursprünglich ist es ja für Bariton und Streichquartett. Ich hatte “Dover Beach” schon mehrmals gesungen, auch eingespielt und war auch an der Neuausgabe beteiligt – war also schon vorher mit Barbers Welt durchaus vertraut. Aber die Sinfonietta holte sich die Erlaubnis zur Bearbeitung, und die Musiker waren begeistert vom Ergebnis. Ich hingegen war anfänglich ein bisschen skeptisch, das muss ich schon sagen. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein äußerst intimes und fragiles Werk, und das Gedicht von Matthew Arnold war für das englische Gedankengut im 19. Jahrhundert äußerst wegweisend. Ich dachte: Um Gottes Willen, wir dürfen das Ganze nicht mit unserem Arrangement plattwalzen. Aber: im Gegenteil! In der Bearbeitung kommt der humanistische Aspekt des Textes sogar noch mehr zur Geltung. Barbers “Dover Beach” war wahrscheinlich das erfolgreichste Werk auf unserer Tour, und ich bin sehr stolz auf unsere Einspielung.
Es herrscht jetzt ein absolutes Vertrauensverhältnis zwischen uns, und ich freue mich auf die Zukunft. Wir haben noch viel vor – auch auf dem Gebiet neuer Bearbeitungen.

ES GEHT NICHT UMS GELD

BR-KLASSIK: Aber Sie werden auch weiterhin mit einem Klavierbegleiter auftreten?

Thomas Hampson: Auf jeden Fall! Das Eine hat mit den Anderen auch gar nichts zu tun. Liederabende stehen nach wie vor auf meinem Terminkalender. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich an so vielen unterschiedlichen Projekten arbeiten darf. Wenn ich nur von Opernhaus zu Opernhaus hüpfen müsste – ich glaube, das würde mir ein bisschen schwer fallen.

“Egal was ich mache: Zuerst muss es mich persönlich interessieren.” – Thomas Hampson

BR-KLASSIK: Sie würden allerdings mehr Geld verdienen …

Thomas Hampson: Nicht unbedingt. Und es geht mir nicht um Geld. Ich kann schon meine Miete zahlen. Aber Musik steht für mich, insbesondere in meiner jetzigen Lebensphase, stets im Vordergrund. Sie kennen mich ja: Ich bin ein leidenschaftlicher Grenzgänger. Und egal was ich mache: Zuallererst muss es mich persönlich interessieren. Wenn es mich nicht interessiert, wie soll es dann das Publikum interessieren?

Die Fragen stellte Bernhard Neuhoff für BR-KLASSIK.

Image: Kirstin Hoebermann

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