Bariton Thomas Hampson im interview | ZEIT Online

ZEITmagazin: Herr Hampson, Sie singen an den besten Opernhäusern der Welt. Wie haben Sie erreicht, wovon so viele Sänger nur träumen?

Thomas Hampson: Ich habe am Anfang schon verdammt viel geübt und gearbeitet. Es kommt aber nicht nur auf Fleiß, sondern auch auf Demut an. Als Sänger bin ich ein wiedererschaffender Künstler, ich mache hörbar, was schon ausgedacht worden ist. Das erfordert hartnäckige, ehrgeizige Arbeit. Trotzdem fühlte ich mich nie zu etwas gezwungen. Das machen zu dürfen, was mich leidenschaftlich interessiert, ist eine Gnade, hat mein Vater gesagt.

ZEITmagazin: Hat Ihre Herkunft es Ihnen leicht gemacht, Sänger zu werden?

Hampson: Ich bin in einer kleinen Stadt im Nordwesten Amerikas aufgewachsen, als Sohn eines sehr praktisch denkenden Ingenieurs und einer Mutter, die eine versponnene Musikerin und eine wahre Schauspielerpersönlichkeit war. Das Umfeld war protestantisch, ziemlich fundamentalistisch und erzpatriotisch, und unter dieser Aufsicht stand ich in meiner Jugend. Erst als ich an der Hochschule Jura studierte, begann ich zu singen und gewann einen Preis. Danach sprach mich eine bekannte Gesangslehrerin aus der Gegend an, eine sehr ernste Nonne, vor der man sich fast fürchten konnte. Und diese fulminante Frau sagte zu mir: Ich spüre in dir eine künstlerische Seele und ein Bedürfnis, zu musizieren. Wenn du darüber einmal reden möchtest, ruf mich an.

ZEITmagazin: Sie hat Sie an die Musik herangeführt?

Hampson: Ja. Ich habe sie tatsächlich angerufen und besucht. Sie hat mir die Welt der Literatur und des Gesangs mit einer so lockeren Selbstverständlichkeit aufgeschlossen, dass ich sofort ganz Ohr war. Ich hatte in meiner Schulzeit Deutsch gelernt, und durch sie habe ich die Vertonung von Gedichten kennengelernt. Innerhalb von neun Monaten habe ich die ganze Richtung meines Lebens geändert und begonnen, Musik zu studieren. Diese Frau hat mich zu meiner wahren Berufung geführt und insofern tatsächlich vor meinem beengten Umfeld gerettet. Das war die elementare Wendung in meinem Leben.

ZEITmagazin: Zu Beginn Ihres Studiums sangen Sie auch bei Beerdigungen und bekamen pro Auftritt 25 Dollar.

Hampson: Klingt komisch, oder? Aber ich hatte von meiner Familie her nicht sehr viel Geld und musste mein Studium selbst finanzieren. Als junger Künstler nimmt man jeden Job, egal was es ist. Aber ich habe mich davon verabschiedet, sobald ich es konnte.

ZEITmagazin: Sie sagen immer, dass jeder Sänger genau wissen muss, was in seiner Seele ist.

Hampson: Bevor ich mein Ich zur Verfügung stellen kann, muss ich wissen, wer ich bin. Ich weiß nicht, wie ich meine eigene Seele schildern soll, aber es gibt vieles in mir, woran ich glauben möchte: Vernunft, Leidenschaft, Barmherzigkeit, Disziplin. Ich muss als Sänger immer eine Absicht haben, zuerst in meinen Kopf und meine Seele hineinhören und mir den Klang vorstellen können, bevor ich einatme. Ich weiß schon genau, wie ich singen möchte, bevor ich es hörbar mache.

ZEITmagazin: 1986 lernten Sie Ihre jetzige Frau kennen. Sie sagen, dieses Erlebnis sei eine fast metaphysische Begegnung gewesen.

Hampson: Ich bin einer der glücklichen Menschen, die von Liebe auf den ersten Blick sprechen können. Wir wussten es beide sehr schnell, und als wir am Anfang ein paarmal auseinandergegangen sind, kamen wir jedes Mal verzweifelt wieder zueinander zurück. Sie ist für mich da, und ich bin es für sie. Das heißt nicht, dass alles immer nur schön und rosig war. Ich kann auch sagen, dass ich nie in meinem Leben mit einem anderen Menschen so gestritten habe wie mit meiner Frau. Aber mein Leben ist undenkbar ohne sie. Wir sind seit 30 Jahren jeden Tag in Verbindung, und wenn ich unterwegs bin, telefonieren wir, selbst wenn die Rechnung unendlich hoch wird.

ZEITmagazin: Sie sind 58 Jahre alt. Wie verändert sich Ihr Leben mit dem Älterwerden?

Hampson: Mein physisches Durchsetzungsvermögen und meine Darstellungskraft sind noch stark. Meine Stimme ist nicht nur meine Stimme, sie ist auch mein Körper, mein Wesen und meine Gedanken. Da ich meinen Körper für die Arbeit brauche, mache ich täglich Gymnastik und Yoga und lasse von einer Astrologin meinen Biorhythmus bestimmen. Außerdem muss ich möglichst acht Stunden pro Nacht schlafen, wobei zu wenig Schlaf nach einer anstrengenden Vorstellung wesentlich kritischer ist als zu wenig Schlaf davor. Schließlich bin ich jetzt, in meinen Fünfzigern, wie ein alter Mercedes-Rennwagen, der 200.000 Kilometer draufhat. Ich schaffe immer noch 180 km/h, aber wenn ich irgendwann merke, dass ich, weil ich gesündigt habe, nur noch auf 100 komme, verzichte ich lieber.

 

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