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Kunst kennt nur Fragen


Eine Kochnische im Hotelzimmer, ein Computer und ein Golfplatz in der Nähe, damit rettet sich Thomas Hampson vor der Einsamkeit des Jet-Set-Künstlerlebens. Dass er die Musik und die Menschen liebt, davon spricht alles, was er singt und sagt. In seinem Londoner Hotelzimmer stand er Margarete Zander Rede und Antwort zu seinem neuen Lieder-Album.

RONDO: Woran erinnern Sie sich spontan, wenn Sie an die Aufnahme mit Arien und Liedern von Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus musicus Wien denken?

Thomas HAMPSON: An Lächeln und Sonnenschein und Frühlingsgemüt. Wir haben die Aufnahmen gemacht, ohne eine Plattenfirma in Aussicht zu haben. Auf eigenes Risiko. Vor allem aber ist es sehr spannend, mit Nikolaus zu arbeiten. Ich sage immer: Ich könnte nie lernen, was Nikolaus Harnoncourt schon vergessen hat (lacht). Ich bewundere diesen Mann, ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Überhaupt habe ich mit dem Concentus musicus die allererste Einspielung in meinem Leben gemacht, in Wien, in diesem berühmten großen Bach-Projekt – und so ist es immer irgendwie ein familiäres Gefühl.

RONDO: Bereiten Sie sich auf die Zusammenarbeit mit dem Concentus musicus – also einer eher kleinen Besetzung auf Originalinstrumenten – anders vor, als mit einem großen Orchester wie den Wiener Philharmonikern?

HAMPSON: Ich glaube, der Unterschied liegt nicht so sehr darin, wie ich mich vorbereite, sondern wie wir miteinander arbeiten. Besonders mit Harnoncourt, da gibt es immer die Gelegenheit zu fragen, zu suchen, vielleicht zu experimentieren, Dinge etwas genauer anzuschauen.

RONDO: Sie sind ja bekannt für raffinierte Programme. Welchen Titel würden Sie dem neuen Album geben: ‘Liebesfreud und Liebesleid’ oder ‘Männerfreundschaften – Komponisten schreiben für ihre großen Sängerfreunde’?

HAMPSON: Ich weiß es nicht. Das Programm ist inhaltlich eher durch die Komponisten und ihre Zeit verbunden: sie sind alle Wiener. Für mich ist es zum Beispiel schön zu sehen, dass Schubert, der seiner Zeit so voraus war, seine Wurzeln in der klassischen Wiener Zeit hat und erst nach und nach dieser eigenständige Baum geworden ist. Irgendwie ist es ein Haydn-Schubert-Bogen geworden. Vielleicht wirft dieses Programm auch einen besonderen Blick auf den Humor. Gerade der Humor von Beethoven ist sicherlich eine seiner unterschätzten Eigenschaften.

RONDO: Mögen Sie keine griffigen Titel?

HAMPSON: Einer Musikauswahl einen Titel überzustülpen, ist ja beinahe irreführend. Jeder Titel schließt eigentlich andere Aspekte aus oder vermindert sie zumindest.

RONDO: Bietet so ein Titel nicht auch eine Orientierung für diejenigen, die sich nicht so gut auskennen?

HAMPSON: Ich sehe in der klassischen Musik mehr einen Kosmos und nicht so sehr eine Summierung von irgendwelchen Details. Ich als Künstler möchte lieber mit meinem Publikum sprechen, als irgendwelche Etiketten erfinden, um damit gute Sende- oder Verkaufszahlen zu erreichen. Vor allem darf man klassische Musik nie vom einfachen, reinen, unterhaltenden, riesigen Umfeld trennen, das sie anzubieten hat, denn sie ist überhaupt nicht für einen kleinen elitären Kreis gedacht. Ganz im Gegenteil. Es gibt keine Sinfonie von Tschaikowsky, die nichts mit dem menschlichen Leben zu tun hat, ebenso keine Musik von Mahler oder Schubert oder Mozart.

RONDO: Wo soll man da anfangen?

HAMPSON: Das Wichtigste ist die Neugierde. Die klassische Musik und damit die Welt, die Menschen, die Geschichte, die sich in ihr widerspiegeln, ist so riesig, so unerschöpflich. Ich habe aber den Eindruck, dass man sich in unserer schnellen, informationssüchtigen Welt nicht mehr die Mühe machen möchte, neugierig zu sein, Fragen zu stellen. Denn zu fragen erfordert mehr Mut als zu antworten.

RONDO: Haben wir nicht sowieso schon viel zu viele Fragen und zu wenig Antworten? Suchen wir nicht händeringend Antworten auf unsere (Lebens-)Fragen?

HAMPSON: Das ist für mich der grundlegende Wert der klassischen Musik und der Kunst überhaupt. Kunst sagt: Vergiss deine Antworten! Jeder von uns kann fragen und sich selbst entscheiden. Und das ist für mich überhaupt das Allerwichtigste: Toleranz und Vernunft in unserer heutigen Zeit. Ich habe Angst vor Fundamentalismus. Nicht nur vor religiösem. Denn er ist in der Industrie vorhanden und in der Marketing-Welt ist er sowieso eine Grundvoraussetzung. Was verkauft werden will, muss ganz bestimmten, vorher definierten Vorstellungen entsprechen. Aber klassische Musik muss unabhängig von Verkaufszahlen existieren können. Sie kann nicht, darf nicht und soll nicht in sich abgeschlossen sein oder aus dem Zusammenhang gerissen werden. Wir sollen erläutern. Das ist ein grundlegender Unterschied, und da müssen wir verdammt aufpassen, meines Erachtens.

RONDO: Sie meinen, es besteht die Gefahr, dass wir alles zu klein machen.

HAMPSON: Genau das. Das ist es, was ich meine. Ich will nichts zu klein machen. Man geht in der Oper immer von der Handlung aus, man geht in einem Liederabend davon aus, wovon gesungen wird. Aber: Was wird eigentlich gesungen? Was ist ein Gedicht? Gibt es nur Auskunft oder ist es ein Dialog oder eine Metapher? Der Oper wird geschadet wenn man versucht, die Handlung als Schwerpunkt zu sehen. Der Schwerpunkt einer Oper ist das Dilemma und eben das wird durch die Musik erläutert. Es geht doch vor allem um Elementares. Ich nenne das ‘the big-ticket-items’: Liebe und Eifersucht und Hass und was auch immer. Aber wer die Musik nicht als Sprache versteht, liebt und verwendet handelt unvollständig.

RONDO: Der Weg über die Handlung soll doch wohl auch eine Brücke zum tieferen Verständnis sein.

HAMPSON: Ich will keine Polemik, mir fehlt nur in der heutigen Welt einfach die Wahrnehmung der Musik als Sprache. Als eine Sprache die uns den Spiegel vorhält. Und diese liebevolle, faszinierende, umfangreiche, wirklich spannende Begegnung ist für jeden zugänglich.

RONDO: Sie sind sehr viel unterwegs, wohnen in Hotels. Schaffen sie sich Rituale, damit sie sich überall wohl fühlen und gut arbeiten können?

HAMPSON: Ich wohne grundsätzlich in Hotels, die einen Fitnessraum haben. Früher hab ich morgens immer sofort Kaffee getrunken, jetzt bin ich ein bisschen auf dem Ayurveda-Weg. Ich trinke eher nur gekochtes Wasser und gehe dann Turnen und frühstücke sehr leicht und setze das fort mit Telefonaten und E-Mails, bevor die Proben beginnen. Ich muss eine funktionierende Kommunikationsmöglichkeit haben, z.B. durch das Internet. Das klingt jetzt wie ein Tick, aber ich bin ein bisschen ein Computer-Freak und sehr begeistert von neuer Technologie. Ich koche gern und möchte, wenn ich irgendwo wohne, eine kleine Küche haben, wo ich mir selbst etwas kochen kann. Die Aussicht in einem Hotel ist mir nicht so wichtig, aber ich brauche Ruhe.

RONDO: Sie sagten, sie würden mal gern ein Buch über das Golfen und die Musik schreiben

HAMPSON: Golfen und Musik haben sehr viele Parallelen. Die größte ist: Beim Golfen soll man sich den ganzen Schlag vorstellen, bevor man überhaupt Schwung holt. Das ist genau dasselbe beim Musizieren. Wenn man nicht schon vor dem Einatmen das gehört hat, was man singen möchte, ist man verloren. Das heißt: Schon der allererste Moment einer gesungenen Phrase ist unmöglich, ohne vorher zu wissen, wohin das Ganze geht. In sich zu bleiben und das zu beherrschen, was man beherrschen kann, das ist im Golf sehr wichtig. Und mit sich selbst geduldig sein. Und all das hätte ich jetzt ebenso über den Gesang sagen können.

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Thomas Hampson