Ein Essay von Thomas Hampson

Das Lied ist eine Metapher für Phantasie, es ist ein zu Musik verdichteter poetischer Gedanke. Die Idee von “Amerika” hatte immer verschiedene Bedeutungen sowohl für die Menschen die dort leben, als auch für den Rest der Welt. Diese “Neue Welt” – noch formbar, lebendig und voller Ideen und Ideale – kann für alle so tiefgreifend und real werden wie sie sie sich vorstellen mögen.

Eine Untersuchung des Liedes in Amerika lädt mehr als andere Disziplinen ein, in die Psyche dieser Neuen Welt vorzudringen. Den Fäden ihrer eigenen nationalen Identität folgend, mit Europäischen Ursprüngen verwoben, haben Amerikanische Komponisten eine unverwechselbare und lebendige Lied-Tradition geschaffen, die unsere Kultur prägte, zur Entwicklung der Amerika-eigenen Formen von Folk, Jazz und Musiktheater beitrug, und während des letzten Jahrhunderts gesteigerte Beliebtheit bei internationalen Musikern und Zuhörern gewann.

Unsere Nation, aus deren Boden der Baum der Freiheit entsprang, wie Jefferson sagte, “mit dem Blut von Märtyrern gegossen”, bot jenen, die den Preis der Freiheit gewonnen hatten, die Möglichkeit, aus einer Vielfalt alter Traditionen und dem Rohmaterial der letzten großen Grenze dieser Erde, eine neue Welt zu schaffen. Eine einzigartige Kultur entstand aus unserer Gründerväter Versprechen von “Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück,” eine Kultur, die sich weiter herausbildet aus den scheinbar endlosen Ressourcen ihres Volkes.

Francis Hopkinson, einer der Unterzeichner unserer Unabhängigkeitserklärung, wird die Komposition des ersten Amerikanischen Kunstliedes, My days have been so wondrous free, datiert 1759, zugeschrieben. Obwohl dieses und weitere seiner Lieder stark vom Englischen und Italienischen Repertoire des mittleren 18. Jahrhunderts beeinflusst waren, erkannte Hopkinson seinen einmaligen Platz in der Amerikanischen Musik. In einem folgenden Band seines Werkes für Harpsichord und Forte-Piano, das auch acht Lieder enthält, schrieb er in seiner Widmung an General George Washington: “Wie klein auch der Ruf sein mag, den ich von diesem Werk erringe, so kann mir nicht, denke ich, der Status verwehrt sein, der erste Bürger der Vereinigten Staaten zu sein, der eine Musikkomposition geschaffen hat.” Er fügt noch einen prophetischen Kommentar hinzu: “Falls dieser Versuch nicht zu streng behandelt wird, mögen andere ermutigt sein, einen Pfad zu gehen, der in Amerika noch unbeschritten ist, und in Folge wird die Kunst bei uns Wurzeln fassen und gedeihen.” Hopkinsons Nachfolger waren Komponisten wie Benjamin Carr, James Hewitt und Oliver Shaw, die Lieder im Englischen Stil nach Texten Englischer Schriftsteller komponierten.

Nach der Niederlage der Briten im Krieg von 1812 bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg hatte das Amerikanische Kunstlied seine Englischen Ansprüche abgelegt und begann, Genres und indigene Einflüsse in sich zu vereinen, was einen unverwechselbaren Amerikanischen Stil entstehen ließ. Stephen Foster, dessen Vorbilder der Irische Lied-Komponist Thomas Moore und der Schottische Dichter Robert Burns waren, ist der bemerkenswerteste Komponist seiner Zeit. Foster, der in seinen 200 Liedern mit großem Effekt Italienische Oper und Europäisches Kunstlied, genauso wie populäre Liedstile und Melodien fahrender Musikanten seiner Zeit verwendete, trug einen großen Anteil zur Entwicklung des Amerikanischen melodischen Idioms bei. William Treat Upton nennt ihn in Art Song in America “die wahre Verkörperung unseres Volksgeistes in spontanem Gesang.”

Während der Vor-Bürgerkriegsperiode drang auch eine Begeisterung für das Deutsche Lied in das Amerikanische Bewusstsein, teilweise auch Konzerten der gefeierten “Schwedischen Nachtigall” Jenny Lind zuzuschreiben, die bei ihrem Amerikanischen Publikum mit Deutschen Liedern einen so großen Erfolg verbuchte, dass Schumann Lieder, die sie bei ihren Tourneen vorstellte, schon 1850 und 1852 in Amerika veröffentlicht wurden.

Mit dem Aufkommen des Interesses an Deutscher Musik wurden Amerikanische Komponisten in ihren Liedkompositionen ehrgeiziger. Viele gingen nach Deutschland, um zu studieren, und kamen mit neuen Ideen, die sie vom Deutschen Lied und Französischen Melodien gesammelt hatten, in die Vereinigten Staaten zurück. Nur wenig ist heute vom Werk dieser bahnbrechenden Amerikaner bekannt. Trotzdem haben sie mit ihrem Schaffen eine erste Unterscheidung zwischen “Populärmusik” und “Kunstlied” erreicht.

Es dauerte noch eine weitere Generation, um die auf der anderen Seite des Ozeans gesammelten Ideen mit dem schon bekannten Amerikanischen Idiom zu verschmelzen. Das 19. Jahrhundert brachte daher in Europa geschulte Komponisten wie Amy Beach, Arthur Foote, George W. Chadwick, Edward MacDowell, James H. Rogers, Ethelbert Nevon, Sidney Homer und Henry F. Gilbert hervor. Foote und Chadwick waren die ersten dieser Gruppe, die den Status des Amerikanischen Liedes auf einen höheren Level von Persönlichkeit und Qualität gehoben haben. MacDowells Lieder, ebenso gut ausgeführt, tragen die Spuren seiner Deutschen Ausbildung. Auch die Werke von Harry T. Burleigh sind beachtenswert, einige davon sind Arrangements von Spirituals, die internationale Anerkennung errungen haben. Burleigh selbst hatte sie Dvorák vorgespielt.

Der Einfluss des Französischen Impressionismus während der ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts kommt im Werk vieler Amerikaner zum Ausdruck, darunter John Alden Carpenter, Charles Loeffler und Charles Tomlinson Griffes. Am Beginn seiner kurzen Karriere komponierte Griffes Lieder für Deutsche und Französische Texte, ließ fremdsprachiges Material später jedoch zurück, ohne allerdings seine Impressionistischen Einflüsse zu opfern.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges befreite Amerika sich von den Fesseln der Europäischen Musikkultur und nahm Dvoráks Herausforderung an, “sich um die eigene Volksmusik zu bemühen.” Arthur Farwell, der 1902 den Verlag Wa-Wan Press gründete um Amerikanische Musik zu veröffentlichen, begann mit intensiven Studien der Musik der Amerikanischen Ureinwohner, des Ragtime und der “Neger” Musik. Seine weitreichenden Interessen umfassten auch die Lieder aus Frankreich, Deutschland und Russland. Charles Wakefield Cadman schrieb mehr als 300 Lieder, zwei davon von Indianischen Stammesmelodien abgeleitet, die häufig aufgeführt und aufgenommen wurden.

Charles Ives war das erste Amerikanische “Original” in der Musik und der erste Amerikanische Komponist, der internationale Anerkennung genoss. Seine Musik ist so einzigartig, dass sie sich nicht in die Grenzen des Wortes “Stil” zwingen lässt. Seine musikalische Welt war eine völlig autonome, hatte jedoch auch Wurzeln in seinen New England Ursprüngen. Er entwickelte eigene komplexe Techniken und Effekte, die sogar die Parodie umspannen konnten. Seine frühen Lieder hatte er auch zu Deutschen und Französischen Texten geschrieben.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen etablierte die Amerikanische Musik ihre eigene Identität als eine lebendige kulturelle Kraft, die weltweit anerkannt wurde. Die Entwicklung des Phonographen und die Institution des Radios nach 1920 und Sendenetz-Programmierung 1926 brachte große Künstler mit dem Programm der Amerikanischen Komponisten in die Wohnzimmer von Millionen von Amerikanern, die vielleicht niemals eine Live Aufführung besucht hätten. Trotzdem viele Amerikanische Komponisten dieser Periode andere Genres verfolgten, schrieben Aaron Copland und Samuel Barber auch wichtige Werke für Solo Singstimme. Andere Amerikaner, die in dieser Zeit beachtenswerte Kunstlieder geschaffen haben, sind Richard Hageman, Henry Hadley, Louis Campbell-Tipton, Elinor Remick Warren, Wintter Watts, A. Walter Kramer und William Grant Still.

William Treat Upton bemerkt in seinem Buch eine signifikante Entwicklung in der Ausbildung des Amerikanischen Kunstliedes in dieser Periode der Geschichte: “… es wird mehr und mehr erkannt klar werden, dass modernes Liedgut nicht mehr nur als Text plus Musik oder Musik plus Text gesehen werden kann, sondern eher Text multipliziert mit Musik oder Musik multipliziert mit Text ist; Text, der so mit der Musik reagiert, Musik, die so mit dem Text reagiert, dass die zwei Elemente unauflöslich miteinander verbunden werden, das eine ohne das andere nicht komplett ist. Faktisch scheint mir, dass dies der Test für modernes Liedgut ist…”

Amerikanischen Komponisten verlassen sich also zugunsten ihrer eigenen Stimmen immer weniger auf Europäische Texte. Es existiert eine Faszination mit den spirituellen Ideen der Transzendentalistischen Dichter und dem Amerikanischen Barden, Walt Whitman. Whitman inspirierte eine neue, dynamische und forsche, demokratische Sprache, deren innewohnender musikalischer Rhythmus sowohl hier als auch im Ausland gut in das Lied zu transportieren war.

Nach dem zweiten Weltkrieg festigten neue Richtungen in der Amerikanischen Dichtung, die sich früher durch Dichter wie e.e. cummings und Gertrude Stein etabliert hatte, das Konzept des Dichters als gleichwertigen Partner des Komponisten im kreativen Prozess. Komponisten wie Virgil Thomson, John Duke, Marc Blitzstein, Gunther Schuller und Celius Dougherty profitierten von diesem einzigartigen Gedeihen der “neuen” Dichtung.

Nach 1945 traten zwei unterschiedliche Richtungen in der Musikwelt auf, die das Amerikanische Kunstlied stark beeinflussten: Komponisten, die im Bereich der Tonalität weiterschrieben, und jene, die mit einer völlig neuen Welt einer erforschenden Tonalität auf der Reihentechnik von Schönberg und Webern basierend, arbeiteten. Hauptbeispiele von Amerikanischen Komponisten, die in tonaler Tradition schrieben sind Samuel Barber und Ned Rorem, dessen überaus produktives Schaffen über ein Spektrum an Gegenständen reicht, das mit Ives konkurrieren kann. Theodore Chanler und Paul Bowles schrieben unvergessliche tonale Lieder. Nachkriegs-Komponisten, die dem breiteren Pfad der Avantgarde folgten sind zum Beispiel John Cage, Ruth Crawford, Milton Babbitt, Wallingford Riegger, Ernst Krenek und George Rochberg.

Das 21. Jahrhundert, obwohl noch in seinen Kinderschuhen, hat Amerika mit wiederholten Schlägen gegen seine Institutionen kämpfen sehen. Zu dieser entscheidenden Zeit in der Geschichte bietet das Amerikanische Kunstliedgut eine Möglichkeit mit der einfachen Schönheit von Wort und Musik die Wahrheit einer Nation, die aus einer das Individuum feiernden Ideologie geboren ist, zu kommunizieren. Diese Sprache von Herz und Hirn sagt alles über die Kultur, die sie geschaffen hat. Und wenn wir unsere eigenen Lieder singen werden die, die uns hören, das Beste erleben, was Freiheit des Denkens und Bestimmung durch die Erschaffung großer Kunst erreichen können.

(Thomas Hampson, December 2004; übersetzt von Andrea Richter.)

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