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Einmal Mahler, immer Mahler


Bariton Thomas Hampson singt die “Kindertotenlieder” beim NDR-Konzert in der Musikhalle.

Hamburg – Es gibt tatsächlich ein Thema, über das Thomas Hampson noch lieber – und, wenn man ihn nicht zügig bremst, noch ausschweifender – spricht, als über seine Begeisterung für die Musik Gustav Mahlers: seine Liebe zu allem, was mit Apple-Computern zu tun hat. Obwohl der amerikanische Bariton auf allen wichtigen Bühnen, in allen großen Konzerthäusern ein gern gebuchter Gast ist, hat er sich den 11. Januar frei gehalten, um bei der jährlichen Bescherung der neuen Apple-Produkte in San Francisco leibhaftig dabeizusein. Der Mann macht offenbar keine halben Sachen bei Dingen, die ihm wichtig sind. Deswegen die 17 000 Platten in seiner Wohnung im 18. Wiener Bezirk. Deswegen ein Golf-Handicap 9, gekoppelt an den obligaten Seufzer “Ich spiele leider zu unregelmäßig . . .!” Deswegen die akribische Beschäftigung mit den ästhetischen Verästelungen und kompositorischen Absichten im Werk Mahlers, die zu kritischen Neuausgaben der “Wunderhorn”-Lieder führte, aber deswegen noch längst nicht beendet ist.

Heute jedoch singt er, begleitet vom NDR-Sinfonieorchester, im Rahmen des von Alan Gilbert dirigierten Zyklus, die “Kindertotenlieder”. Daß Hampson die Gedichtvertonungen besser kennt als Gilbert, für den es eine Premiere ist, sehen beide sportlich, berichtet Hampson mit sonorem Timbre: “Das ist sehr erfrischend. Ich bin reichlich älter als er, und ob ich als erster mit dem Stück in Berührung kam oder er, ist doch egal.”

Aber warum die rückhaltlose Herzensnähe zu Mahler? “Wegen der unendlichen Faszination dafür, was er mit Wort, Klang und Musik als Sprache, Harmonie als Grammatik ausdrückt; wie er sich mit dem menschlichen Dilemma beschäftigt.” Die “Wunderhorn”-Lieder waren für ihn dabei lediglich die “Spitze des Eisbergs”. Wo das herkam, mußte doch noch mehr sein, das ihn derartig berührte und ihn durch sein Künstler-Leben begleiten sollte. Da war mehr. Und Hampson war begeistert.

Zwischen seinem aktuellen Auftrittsort Musikhalle und der Staatsoper liegen zwar nur ein paar hundert Meter Luftlinie, doch bei seiner Terminplanung offenbar Welten. “Ich habe überhaupt keinen Kontakt dorthin”, berichtet er, “und das ist keine Überheblichkeit – ich hab’ einfach keine Zeit.” Den zukünftigen Operndirektor Josef Hussek kennt er durchaus gut von den Salzburger Festspielen, mit der zukünftigen Intendantin Simone Young hat er einen “Onegin” an der Wiener Staatsoper gemacht. Doch mehr war und ist nun mal nicht. First things first. Das heißt für Hampson, in wenigen Wochen eine eigene, ehrgeizige Konzertreihe im Wiener Konzerthaus zu starten. Mit Mahler-Liedern, natürlich, aber auch mit gleichgesinnten Kollegen und raffiniert komponierten Programmen unter dem bei Walt Whitman geliehenen Motto “I Hear America Singing”. Aus dem Karriere-Stadium, in dem man brav den Spielregeln der Konzertbranche folgt, ist Hampson längst raus. Und die Sache mit dem Golf-Handicap sollte auch noch hinzubekommen sein.

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Thomas Hampson