Es gibt so gut wie nichts, was derzeit im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen ausgemacht wäre. Doch, eines: Wenn Thomas Hampson am Werk ist, wird es spannend. Und da er das dort in diesem Sommer noch nicht war und dafür in Baden- Baden einen hochbesetzten “Parsifal’ für DVD einspielte, hielt sich die positive Erregung in Grenzen. Nun steigt er ins Salzburger Konzertgeschehen ein: Am Freitag (13. 8.) singt er im ausverkauften Kleinen Festspielhaus Lieder von Dvorak (der vor 100 Jahren starb) und Brahms. Am Dienstag darauf (17. 8.) findet ebendort eine seiner richtungweisenden Liedmarathon- Veranstaltungen mit Kollegen statt: Es geht um Dvorak und seine Zeit, und das Programm führt bis in die amerikanische Folklore.

Am 28. und 29. August schließlich tritt er mit den Philharmonikern unter Harnoncourt abermals zu einem Dvorak-Programm an. Im September steht der Vordenker der Opernbühne vor einer neuen Herausforderung: Bei einem von NEWS unterstützten Symposium zum Thema “Sinnsuche’ trifft er auf einige der bedeutendsten Denker unserer Zeit.

NEWS: Sie singen heuer in Salzburg keine Oper. Ist das Absicht, oder gab es nichts für Sie?

Hampson: Es hat sich nicht ergeben, und es ist gar nicht so schlecht, für einen Sommer auszusetzen. Meine starke Präsenz hier hat erst mit “Doktor Faustus’ in der Ära Mortier begonnen. Aber ich betrachte Salzburg nicht als reines Opernfestival, und die Marathons sind mir ein großes persönliches Anliegen. Im nächsten Jahr plane ich vielleicht etwas zum sehr aufregenden Thema “Exilkomponisten, Wiener Schule, entartete Musik’. Heuer könnte das Thema lauten “Die Schönklangwelt im späten 19. Jahrhundert’. Von der slawischen Musik ausgehend, werde ich die blühende Spätromantik im Habsburgerreich erkunden. Schwerpunkt sind die drei amerikanischen Jahre Dvoraks, was er dort angeregt hat, aber auch, welche Anregungen er zum Beispiel vom Negro Spiritual und von indianischen Volksliedern empfangen hat.

NEWS: Nächstes Jahr kommt wieder eine Oper, wenn auch nicht die wildeste aller Herausforderungen, nämlich der Vater Germont in “La Traviata’.

Hampson: Wenn sich die Salzburger Festspiele für eine neue “Traviata’ entscheiden, will ich doch hoffen, dass hier neue Aspekte hörbar gemacht werden, die den Germont als sogar philosophische Herausforderung kenntlich machen.

NEWS: Die Produktion wird für Anna Netrebko ins Programm genommen, von der man las, dass sie vom Medienwirbel völlig erschöpft sein soll. Es kursierten sogar Meldungen von Burn-out. Sehen Sie Grund zur Besorgnis?

Hampson: Ich halte sie für eine sehr raffinierte und gescheite Sängerin, die in der Welt einiges an Aufmerksamkeit erweckt hat. Das war für sie sehr erfreulich, aber einmal kommt die Rechnung. Die Öffentlichkeit ist ein unersättliches Tier, und Anna muss ihren Kontrollpegel finden, ihr Gleichgewicht. Ich kann nur hoffen, dass ihr jemand zur Seite steht, der sie gut berät. Wir alle leiden manchmal unter Phasen von Burn-out. Ich fühle mich selbst etwas urlaubsreif. Aber dasHandtuch schmeißen und sagen: Ich habe den Burn-out – das bringt nichts.

NEWS: Sie haben soeben in Baden- Baden “Parsifal’ unter Kent Nagano in großer Besetzung für DVD herausgebracht. Die größere Aufmerksamkeit hatte allerdings Schlingensief in Bayreuth.

Hampson: Gerade deshalb will ich unsere hervorragende, auf den Punkt gebrachte Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff hervorheben. Ich war nicht in Bayreuth, aber ich bedauere doch einiges: Das Ganze hat offenbar mehr mit dem Regisseur zu tun als mit Wagner. Es geht nicht um die Quellen des Werks, nicht um den philosophischen Gehalt, nicht um die Partitur. Dafür konnte ich mich massenhaft über neue Aspekte Schlingensiefs informieren. Aber da interessiert mich Wagner doch mehr. Übrigens empfinde ich “traditionell’ nicht als Schimpfwort. Ich halte es noch für kein Verdienst, um eine Produktion Wirbel zu erzeugen, weil sie etwas bringt, was noch nie gedacht oder gesagt wurde. Ich habe viel von den alten Chinesen gelernt. Dort wird dasWort “Langeweile’ mit “endloseSuche nach dem Neuen’ übersetzt.

NEWS: Sie haben mit Jürgen Flimm gearbeitet. Was sagen Sie zu seinen großen Chancen, Intendant in Salzburg zu werden?

Hampson: Ich würde mich gern weniger mit Namen als mit Ernsthafterem befassen, aber ich höre und lese immer nur Namen und nie, was Salzburg eigentlich sein soll. Dass zum Beispiel Kunst nicht Kommerz ist, sondern die menschliche Auseinandersetzung mit den letzten Dingen. Der Versuch des Menschen, seine Sensibilitäten und Fähigkeiten zu bündeln, um sein spirituelles Zentrum zu finden. Und wenn es überhaupt noch einen Ort gibt, wo man diesen Zielen Priorität vor dem Kommerziellen einräumen kann, ist es Salzburg. Wir sollten dort keinen CEO, keinen Chief Executive Officer, suchen, sondern wieder jemanden, der ein klares künstlerisches Mandat von höchster Seriosität und Sensibilität innehat. Jürgen Flimm passt durchaus in dieses Bild. Sinnlos ist es, alle paar Jahre jemanden einzukaufen und ihn nachher etwas versuchen zu lassen. Da wird der Wagen vor das Pferd gespannt.

NEWS: Interessant ist, dass man weder Sie noch Harnoncourt um Rat gefragt hat.

Hampson: Ich denke nicht daran, mich mit Harnoncourt zu vergleichen. Aber dass er nicht gefragt wurde, ist unerhört. Ich lese mit großem Interesse bei Ihnen, was er zu sagen hätte. Und dass man sich von offizieller Seite dafür nicht interessiert, ist ein Verbrechen. Er ist einer der gescheitesten, gebildetsten und nachdenklichsten Künstler, die ich kenne.

NEWS: Es kann aber zu einem Beirat interessanter Künstler kommen, unter ihnen Welser-Möst. Hat man Sie nie dazu eingeladen?

Hampson: Ich habe nicht ein einziges Gespräch im Zusammenhang mit Salzburg geführt, aber ich will mich auch nicht überschätzen. Man soll lieber hören, was Harnoncourt gefragt hat: wodurch eigentlich die gewaltigen Preise legitimiert werden. Wenn das nur noch ein kommerzieller Sommerbetrieb ist, der sich nicht von dem unterscheidet, was man während des Jahres überall zu sehen bekommt, wird es schwierig. Deshalb finde ich die Sache mit dem Beirat sehr gut. Vorausgesetzt allerdings, er ist nicht nur Alibi und plakatives Namedropping.

NEWS: Nun nehmen Sie am 11. und 12. September im Stift Melk an einem Symposium mit drei Nobelpreisträgern und Vertretern der Weltreligionen teil. Was kann in diesem Kreis ein Künstler wie Sie in einer Zeit der Krise und der Sinnlosigkeitsgefühle zur Sinnsuche beitragen?

Hampson: Ja, was tun, wenn man den Pfad zur Gemeinschaft verloren hat? Mit anderen Worten: Was tun, wenn man keinen Sinn mehr in seinem Leben erblicken kann? Ich denke, der Sinn heißt Gott. Er kann auch anders heißen – Spiritualität, Karma -, aber gemeint ist immer dasselbe: die Frage, warum wir leben und welche Richtung wir dabei einschlagen. Das kann ich nicht beantworten, aber für eines fühle ich mich schon zuständig: die vielen Epochen und Kulturen, die alle nach dem Sinn gesucht haben, im Gedächtnis der Menschheit zu bewahren. Die Kunst hatte immer eine gewaltige Antwort auf die Frage nach dem Sinn bereit. Weil sie nämlich für eines zuständig ist: für das Mit-leiden im wörtlichen Sinn, also das Mitfühlen. Damit ist der Einzelne nicht mehr alleingelassen, und die Suche wird eine gemeinsame. Wir darstellenden Künstler sind dafür verantwortlich, dass nichts von dem in Vergessenheit gerät, was die schöpferischen Künstler gehört und gesehen haben. Diese unsere Aufgabe erfordert vor allem eines: Demut.

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Thomas Hampson