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Verdi für Erwachsene


Thomas Hampson singt erstmals die Titelpartie in Giuseppe Verdis SIMON BOCCANEGRA

Immer schon wurde die Oper von scheinbar entgegengesetzten Kräften dominiert: dem glamourösen Starkult einerseits und dem Bemühen um höchste künstlerische Integrität andererseits. Ausschließen müssen sich diese beiden Seiten grundsätzlich aber nicht. Im Gegenteil: Wenn sie sich ergänzen übt Oper jene breite Faszination aus, mit der sich kaum eine andere Kunstgattung vergleichen kann.

Zu einer solch idealen Ergänzung kommt es in der Person von Thomas Hampson. Der 47jährige amerikanische Bariton ist zweifellos ein Star. Mühelos füllt er größte Säle, seine Fans reisen ihm rund um den Globus nach und die Medien lassen keine Gelegenheit entgehen, um Interviews und Reportagen über ihn zu bringen. Dabei gibt es keinerlei Geschichtchen und Skandale, über die sich groß berichten ließe. Nein, Thomas Hampson ist Star einzig und allein auf Grund seiner künstlerischen Leistungen. Er verfügt über eine der schönsten Baritonstimmen unserer Zeit – maturiert und gefestigt in ihrem Kern, aber zugleich ungemein geschmeidig und reich an subtilen Farben -, er ist ein Darsteller von starker Bühnenpräsenz, vor allem aber ist er ein Sänger, der sich stets mit großer Seriosität eine Partie erarbeitet. Wer Thomas Hampson kennt weiß, dass er sich zu diesem Zweck nicht nur in die Partitur vertieft, sondern sich auch über den Komponisten und dessen Umfeld informiert, ja sogar über historische Vorbilder, sollten solche einer Figuren zugrunde liegen. Doch sobald er die Bühne betritt, sind diese Informationen nur mehr Humus, aus dem eine Interpretation, reich an Spontaneität und Lebendigkeit, erwächst. Ein Gespräch mit Peter Blaha.

Wir sitzen hier am 11. September beisammen, ein Jahr nach den schweren Terroranschlägen in den USA. Hat der 11. September 2001 etwas verändert in Ihrer Auffassung über das, was Sie als Künstler tun?

Der 11. September ist für Amerika, ja sogar für die ganze Welt, zu einem Symbol für einen Hass von unfassbarer Dimension geworden. Natürlich betrifft der 11. September vor allem uns Amerikaner. Wir haben erstmals in unserer Geschichte Tote nach einem Angriff auf unser eigenes Territorium zu beklagen. Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung und ich hoffe, dass dieser Trauertag niemals in Vergessenheit geraten wird.

Hass spielt auch in Verdis SIMON BOCCANEGRA eine Rolle …

Ja, es ist unglaublich, wie aktuell dieses Stück ist. Ich wurde schon vor einigen Jahren nach Israel eingeladen, um dort den SIMON BOCCANEGRA zu singen. Damals hatte ich die Partie noch nicht in meinem Repertoire, aber ich kann sehr gut nachvollziehen, warum man sich dieses Stück gerade in Israel wünschte. In Krisenregionen hat man ein besonderes Gespür für die subtile, aber äußerst relevante Aussage dieses Werks. Das gilt aber nicht nur für SIMON BOCCANEGRA. Es gibt keine bedeutende Oper, die sich nicht in irgendeiner Weise auf eine politische, soziale oder psychologische Auseinandersetzung mit unserem politischen, kulturellen oder individuellen Status als Mensch einlässt. Es wäre daher fatal, die Oper zum Entertainment verkommen zu lassen. Natürlich ist sie eine Kunstform mit einem gewissen Unterhaltungswert. Und ihre Orientierung an der gesellschaftlichen Makroebene mit ihrem Streben nach Profit verstärkt diese Tendenz, vor allem über den Starkult. Der Wert von Kunst im Allgemeinen und von Oper im besonderen lässt sich aber nicht am Profit messen. Deren Wert liegt in der Relevanz ihrer Inhalte, die im Entertainment meist zu kurz kommen. Aber die Inhalte der Oper sind mindestens ebenso relevant, wie jede tagespolitische Nachricht.

Wo liegt nun die relevante Aussage des SIMON BOCCANEGRA?

Man behauptet zwar, wir befänden uns in Friedenszeiten. Dessen bin ich mir aber nicht so sicher. Man braucht sich nur umzusehen: Die Welt brennt an vielen Orten. Konflikte gibt es zwischen Indien und Pakistan, zwischen Israeli und Palästinensern, zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, zwischen Russland und Tschetschenien. Die Welt ist in Aufruhr und die Gründe dafür haben sehr oft mit Religion zu tun. Die Konflikte eskalieren, weil die Konfliktparteien unbeweglich sind. Darum geht es auch in SIMON BOCCANEGRA. Soeben haben wir jene Szene geprobt, in der Simone auf den großen Dichter Petrarca verweist, der an die im Streit liegenden St6ädte Genua und Venedig appelliert, Frieden zu schließen. Doch Boccanegra schallt ein Nein der Ratsversammlung entgegen. Wenn jeder darauf besteht, dass nur er allein alles bekommen soll, dann ist die Sache schon verloren.

Was ist eigentlich die Triebfeder für Boccanegras Handeln? Im Prolog steht er am Sarg Marias, sein privates Glück ist zerstört, doch er wird zum Dogen gewählt. Ist es sein Bemühen um Frieden, was ihn nicht resignieren, sondern die Bürde dieses Amtes auf sich nehmen lässt?

Im Prolog haben wir es mit einer typischen Verdi-Katastrophe zu tun. Auf der einen Seite gibt es diesen öffentlichen Aufbruch im Leben Boccanegras. Er wird zum Dogen gewählt. Aber sein privates Glück liegt am Boden. Die Liebe seins Lebens ist tot, mit der Familie seiner Geliebten ist er verfeindet, seine Tochter hat er verloren. Ich glaube, dass Simon Boccanegra ein leidenschaftlicher, engagierter und verantwortungsvoller Mensch ist. Aber in fast jedem Moment, in dem wir ihn erleben, selbst im Prolog, erscheinen seine Leidenschaften durch die Vernunft gezähmt. Zorn, Stärke, innerliche Wut sind zwar vorhanden, aber stets ist Vernunft mit im Spiel. Trotzdem richtet er damit nur wenig aus. Das ist der Punkt, an dem sich Pessimismus breit macht. Trotzdem setzt Boccanegra seinen Weg fort. Die große rage ist: Wenn man weiter tut, obwohl man pessimistisch ist, auf welchen Glauben, auf welche Überzeugung stützt man sich dabei? Dass sich Boccanegra einfach zum Prellbock zwischen den Seiten hergibt, weil einer das eben machen muss, glaube ich nicht. ER ist auf jeden Fall ein Realist, spiegelt sehr viel von Verdi selbst wider. Ein totaler Pessimist wäre ohne Hoffnung, aber Verdi hatte Hoffnung. Boccanegra ist ein Realist. Er glaubt zwar nicht, dass sich die Menschen grundsätzlich ändern. Aber er hofft, dass zumindest für kurze Phasen Vernunft und Frieden einkehren.

Vor kurzem wurde eine Aufnahme von Verdis IL TROVATORE veröffentlicht, auf der Sie den Luna singen, der in Ihrer Interpretation nicht bloß der leidenschaftliche Rivale des Tenors in der Gunst des Soprans,sondern ein psychologisch subtil ausgeloteter Charakter ist. Wo liegen die Unterschiede zwischen einer Figur wie Luna und dem Simon Boccanegra?

Ich schätze es sehr, wie in der Vergangenheit Mattia Battistini und vor allem Giuseppe de Luca die Feinfühligkeit und die Verletzlichkeit des Luna deutlich gemacht haben. Lunas Bösartigkeit resultiert aus einer seelischen Wunde, nicht aus einem bösen Charakter. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Boccanegra ist von ganz anderer Art. Er ist ein intelligenter, vernünftiger Mensch. Seine Tiefen sind nie abgrundtief, seine Höhen aber auch nicht alles überragend. Gesanglich ist der Boccanegra eine ganz andere Welt als der Luna. Musikalisch hat Simon Boccanegra – wir sprechen von der zweiten Fassung – mehr mit Posa zu tun, als mit Luna oder Germont. Mich hat erstaunt, wie schwer der Luna eigentlich zu singen ist. Man hat zwar diese wunderbaren großen lyrischen Bögen, aber dazwischen, in den Ensembles, ist eine gewisse Nähe zu Donizetti unverkennbar. Es ist eine Art Turbo-Donizetti, weil manches auch ein bisschen herausgestemmt sein muss. Das ist etwas, womit ich auf der Bühne wahrscheinlich Schwierigkeiten hätte. Das gibt es bei SIMON BOCCANEGRA nicht. Diese Partie stellt eine andere Herausforderung dar, eine, die ich besonders gern annehme. Es gibt nicht nur schöne lyrische Bögen – Boccanegra hat ja nicht einmal eine große Arie – sondern viele Szenen, in denen er auf die Menschen zugeht und sie zu überzeugen versucht. Dabei stößt er auf den starren, geradezu archaischen Hass Fiescos. Boccanegra versucht alles, diese Festung einzunehmen. Verdi hat das großartig komponiert, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln, vom flüsternden Parlando bis zur großen Kantilene. Es wäre ein Fehler, Simon Boccanegra auf der Bühne herauszuposaunen. Man muss diese Figur erleben und aus diesem Erlebnis heraus den Gesang entstehen lassen. Und dieser Gesang ist von äußerst subtiler, raffinierter Art. Ich sage immer: SIMON BOCCANEGRA ist Verdi für Erwachsene.

Bedeutet das aber nicht, dass SIMON BOCCANEGRA, mehr als jede andere Oper Verdis, den Falstaff vielleicht ausgenommen, eine Ensembleoper ist?

Für mich ist Oper an sich eine Ensemble-Kunst. Natürlich gibt es Opern, in denen man in der Addition von Einzelleistungen recht gute Ergebnisse erzielen kann. Dazu gehört SIMON BOCCANEGRA sicher nicht. Es muss ein eingespieltes Ensemble auf der Bühne sein, ähnlich wie bei COSÃ FAN TUTTE. DON GIOVANNI hingegen kann schon ein Ensemble von Einzelgängern sein.

Ihr Rollendebüt als Simon Boccanegra fällt in eine Phase, in der sie unmittelbar hintereinander etliche neue, auch stilistisch sehr weit voneinander entfernt liegende Rollen in Ihr Repertoire aufgenommen haben, den Mandryka in ARABELLA,den RIESEN VOM STEINFELD, nun eben den Boccanegra, dem der Athanael in Thais folgen wird. Ein Ausreizen der eigenen Grenzen?

Ich war schon immer ein Fachbrecher, wobei das nicht der passende Ausdruck ist, weil ich mich von Anfang an nie auf ein bestimmtes Fach festgelegt habe. Ich finde es interessanter, als Künstler unterschiedliche Menschen nebeneinander darzustellen. Ob das gelingt ist primär eine Frage des Handwerks, die Frage der Begabung liegt anderswo. Die Begabung ist ausschlaggebend dafür, wie weit man sich für eine neue Welt überhaupt öffnen kann. Das fällt uns heute wahrscheinlich leichter als Menschen früherer Epochen, weil wir in einer Informationsgesellschaft leben, die zum Eklektizismus neigt. Wir sind in der Lage, am Dienstag ein Stück von Shakespeare, am Donnerstag eines von Pinter und am Samstag Lion King zu genießen. Die Gefahr des Eklektizismus besteht darin, seicht zu werden. Aber mir dieser Gefahr bewusst zu sein, schützt mich als Künstler.

Künstlerisch reize ich derzeit ganz bestimmt meine Grenzen aus. Ich habe im Frühjahr zuerst den Onegin und dann meinen ersten Mandryka gesungen, kam danach für den RIESEN VOM STEINFELD nach Wien, von wo es direkt nach Salzburg zum DON GIOVANNI ging. Soeben habe ich wieder den Riesen gemacht, dazu parallel mit den Proben zu SIMON BOCCANEGRA begonnen. Das ist alles schon recht viel, aber ich bin jetzt erfahren genug und weiß, wo ich zuhause bin. Dennoch muss ich aufpassen und mir meine Kräfte, stimmlich wie körperlich, sehr gut einteilen. Fragen des Stils stehen für mich dabei aber nicht im Vordergrund. Stil ist eine beschreibende Kategorie, also wo das jeweilige Werk historisch einzuordnen ist, in welcher Form Text und Musik zusammenwirken, in welche Richtung die Psychologie der Figuren geht. Mir sind andere Fragen viel wichtiger: Wer ist Mandryka? Warum kommt er nach Wien? Wie alt ist Simone oder Don Giovanni? Natürlich muss ich diesen Dialog auch mit den jeweiligen Regisseuren führen, aber ich muss zuvor versuchen, sie für mich selbst zu beantworten, auch wenn ich mit den selbst gefundenen Antworten nicht hundertprozentig zufrieden bin. Zufrieden bin ich mit mir selbst ohnehin nie, nur mit den Opern, in denen ich singe. Aus jeder Arbeit komme ich mit einer unglaublichen Bewunderung für die Komponisten und Librettisten heraus.

War das auch beim RIESEN VOM STEINFELD von Peter Turrini und Friedrich Cerha so?

Ja, ich freue mich sehr, dass dieses Werk vom Publikum so gut angenommen wurde. Das beweist die Neugierde der Menschen nach Neuem. Ich habe mich auch sehr über ein Gespräch mit Direktor Holender gefreut, in dem er meinte, allmählich glaube auch er, dass wir zuviel auf negative Stimmen hören und uns viel zu sehr vor ihnen fürchten. Wir sollten mehr auf die positiven Stimmen hören. Das bedeutet nicht, überheblich zu werden. Aber irgendwie ist die Selbstzerfleischung in unserem Beruf zu weit gegangen. Auch ich bin ein impulsiver Mensch, auch ich kann sehr zornig werden. Aber ich habe kein Verständnis für künstliche Erregungen, wenn die Welt in einem solchen Zustand ist und ich als Künstler das Privileg habe, mich mit etwas so wunderbarem wie der Musik beschäftigen zu dürfen.

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