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Wie ein Komet am Himmel


Der amerikanische Starbariton ist Nikolaus Harnoncourts Don Giovanni: “In Salzburg muß der Zauber von Mozart vermittelt werden.’
Interview aus der Zeitschrift Bühne, Ausgabe 7/8 2002

Im Juni hat er als Cerhas und Turrinis Riese vom Steinfeld die Uraufführung an der Wiener Staatsoper zum Triumph geführt, am 27. Juli eröffnet Thomas Hampson in seiner Glanzpartie als atemberaubend attraktiver Don Giovanni unter Nikolaus Harnoncourt die Salzburger Festspiele. Schon ’87 hatte der steirische Pultstar für seinen bahnbrechenden Mozart-Zyklus am Opernhaus Zürich den lyrischen Bariton als Mozarts großen Verführer besetzt, womit der US-Beau zum Superstar avancierte.

With Diana Damrau. "Der Riese vom Steinfeld". Photo: Wiener Staatsoper

Bühne: Seit Ihrem ersten Don Giovanni unter Harnoncourt in Zürich sind 15 Jahre vergangen

HAMPSON: Ich bin sehr glücklich, wieder Nikolaus Harnoncourts Giovanni zu sein, ich liebe ihn, selbst wenn ich ihn manchmal nicht verstehe. Mein erster Don Giovanni vor 15 Jahren mit ihm und Jean-Pierre Ponnelle war eine Meister-Produktion und hat mich stark beeinflußt. Harnoncourts Suche nach der Wahrheit, sein Wille, dem Werk zu dienen, hat meine Einstellung zu jeder Partie geprägt.

Bühne: Die Salzburger Produktion inszeniert Martin Kusej, der als “Regieberserker’ gilt.

HAMPSON: Ich finde “Regieeinfälle’ nicht so wichtig, wesentlich ist, daß die Geschichte erzählt wird. Vor der Uraufführung von Cerhas und Turrinis Oper Der Riese vom Steinfeld fragten mich alle: Worum geht es in dem Stück? Bei Don Giovanni fragt man: Wie ist das Inszenierungskonzept? Ich spreche viel mit Kus?ej, er ist ein toller Regisseur, klug und belesen; eine Inszenierung sollte das Produkt eines Gedankenaustauschs sein. Bei Don Giovanni ist natürlich ein Rahmen gegeben, weil jeder Regisseur sich an Mozarts Tempo-Architektur halten muß, sonst ist die Sache sowieso verfahren. Mozarts Tempi sind keine Gefühlssache.

BÜHNE: Wie sehen Sie Don Giovanni?

HAMPSON: Don Giovanni ist eher eine Dracula-Figur als ein großer Liebhaber. Er versucht ständig, sich selber größer zu machen, indem er alles erobert. Er ist abergläubisch, seine Gesprächspartner sind Musen und Geister, er hat eine panische Beziehung zum Tod und zu Gott. Dieses Stück handelt vom Tod, Liebe kommt kaum vor. Zumindest genauso wichtig wie Giovannis Frauengeschichten, seine Erniedrigung der Frauen, ist die Eroberung, Vernichtung der Männer.

BÜHNE: Eine sehr pessimistische Interpretation.

HAMPSON: Giovanni ist wie ein Komet, der anarchisch durch den Himmel rast, man sieht nur das letzte Zischen, Glühen, bevor er explodiert. Er ist süchtig nach Bestätigung, kann allein mit sich selbst nicht mehr fertig werden, ist besessen, hat Angst und frißt alles auf. Zerlina ist ein naives Wesen, sie flirtet mit ihm. Er gibt ihr eine ganz kleine Chance wegzurennen und erdrückt sein Opfer dann wie eine Anakonda. Ein wichtiges Motiv ist die Hand, Là ci darem la mano bedeutet natürlich nicht Händchen halten, sondern Besitz ergreifen, mit sich ziehen. Wie auch im ersten und letzten Bild, wenn der Commendatore dem Don die Hand gibt und ihn am Schluß in die Hölle zieht.

BÜHNE: Es gibt gar keine heiteren Momente?

HAMPSON: Doch, es ist ein “Dramma giocoso’, schwarz mit lustigen Elementen, wie auch Shakespeares Hamlet. Zwischen Giovanni und Faust sehe ich eine Verwandtschaft: Beide wollen wie Gott sein. Don Giovanni ist allerdings unterhaltsamer, weil diese funkelnden Augen jeden in ihren Bann ziehen. Wir sind doch alle süchtig nach Energie, auch wenn sie böse ist.

BÜHNE: Was erwarten Sie vom neuen Salzburg-Intendanten Peter Ruzicka?

HAMPSON: Ich erwarte das, was ich von jedem Festival-Manager erwarte: gute Veranstaltungen. Doktor Ruzicka ist ein sehr interessanter Musiker und Intendant, und er ist viel zurückhaltender als sein Vorgänger. Wichtig ist die Frage: Was wollen die Salzburger Festspiele sein? Was ist ihre Identität? Sicher kein Sommercamp internationaler Künstler, die kommen und gehen, auch nicht ein Ort des Experiments. In Salzburg muß es richtungsweisende Aufführungen geben, hier müssen die jungen Sänger ihre erste Mozart-Oper sehen, hier muß der Zauber von Mozart vermittelt werden. Wesentlich ist der Unterschied zwischen Kunst und Entertainment-Industry. Kunst kann unterhaltsam sein, aber sie ist nicht eine höhere Ebene von Entertainment. In der Kunst geht es um das Wesentliche.

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